Lawinenunfälle in Österreich im Winter 2006/2007
„Ein Winter, der eigentlich keiner war...“
von Mag. Rudi Mair
Selten sind zwei meteorlogisch dermaßen unterschiedliche Winter unmittelbar hintereinander gefolgt: Während der Winter 2005/2006 ein wirklich ‚kerniger’ war mit verbreitet Schneebedeckung von Ende November bis Ende März, wurde der folgende Winter 2006/2007 oft gar nicht richtig als solcher wahrgenommen, die Talregionen waren zumeist schneefrei, und auch auf den Bergen stellte sich der begehrte Schnee nur äußerst zögerlich ein.
Trotzdem wurde eine alte Erkenntnis der Lawinenkunde wieder bestätigt: auch schneearme Winter haben ihre Gefahren, und mit Österreichweit 17 Lawinentoten waren nur um 5 Opfer weniger zu verzeichnen als im schneereichen Winter davor (zum Vergleich: . 2003/2004 gab es in Österreich 8 Lawinentote, im Winter 2004/2005 48). In Tirol war die Bilanz zum Winter 2005/2006 überhaupt fast gleich, 9 Opfer im Winter 2006/2007 stehen 10 aus dem Vorjahr gegenüber, und auch in der Anzahl der an einen Lawinenunfall beteiligten Personen gibt es mit 116 gegenüber 128 im Jahr davor kaum gravierende Unterschiede.
Der Hauptgrund dafür lässt sich durch zwei Tatsachen erklären:
Zum einen ist der Schneedeckenaufbau in schneearmen Wintern generell schlecht. Auf Grund der geringen Schneehöhen ist der Temperaturgradient innerhalb der Schneedecke relativ höher, so dass vermehrt aufbauend umwandelnde Prozesse stattfinden, die zu bindungslosen Schneekristallen und damit zu einem lockeren, störanfälligen Schneedeckenfundament führen. Zum anderen verleiten aber gerade schneearme Winter, in denen sichere Rücken oft abgeweht und schneefrei sind dazu, dass sich der Unerfahrene an die vergleichsweise ‚schneereichen’ Geländeformationen hält, und das sind oft eingewehte Rinnen und Mulden, in denen eine Lawinenauslösung wahrscheinlicher ist. Zudem sorgen schneearme Winter vermehrt für Querungen im Gelände, um sozusagen ‚von Schneefleck zu Schneefleck’ zu gelangen. Damit gerät man aber auch vermehrt an Übergänge von wenig zu viel Schnee, und gerade an diesen Übergängen sind die Spannungen in der Schneedecke besonders groß und eine Lawinenauslösung besonders leicht.
Bemerkenswert ist auch wieder die Häufung von Lawinenunfällen an gewissen Tagen: der Großteil der Unfälle passiert an einigen wenigen, besonders gefährlichen, aber immer nur wenige Tage andauernden Zeiträumen. So gab es am 5 Jänner Österreichweit 7 Lawinenunfälle, am 6. Jänner 6 und an den zwei Folgetagen noch jeweils 2. Die nächste kritische Periode dann Mitte Februar: 4 Unfälle am 13.02., 6 am 14.02., je 2 am 15. und 16.02. sowie 5 am 17. und 4 am 18.02. Das lawinenaktivste Wochenende gab es dann Anfang März: am Freitag, den 02.03. waren 5 Unfälle zu verzeichnen, am Samstag darauf nur einer, aber am Sonntag, den 04.03.2007 waren es 9 Lawinenunfälle mit Personenbeteiligung! Mehr als einen Unfall gab es in der Folge nur noch am 11. und 12. März mit jeweils 2 sowie am 6. April mit 3 Lawinenunfällen. Insgesamt sind also die Mehrzahl aller Lawinenunfälle in nur drei eher kurzen Perioden aufgetreten!
Von den 17 Lawinentoten des Winters 2006/2007 entfielen 9 auf Tirol, jeweils 3 auf Vorarlberg und die Steiermark sowie je 1 auf Salzburg und Oberösterreich. Keine Lawinentoten gab es in Kärnten und Niederösterreich. Bei insgesamt 92 bekannt gewordenen Lawinenunfällen lag die Gesamtzahl der betroffenen Personen bei 198 (2005/2006: 226), wobei der Großteil davon (134) unverletzt blieb, 47 Personen wurden verletzt und 17 getötet. Schlüsselt man die Gesamtzahl der 198 an einem Lawinenunfall beteiligten Personen nach Unfallart auf, so waren der Großteil entweder im Skitourengelände (91 Personen) oder im Variantenbereich als Skifahrer(67 Personen) bzw. Snowboarder (29 Personen) unterwegs. Sehr dominant ist das männliche Geschlecht am Unfallgeschehen: 156 beteiligte Männer stehen nur 30 Frauen gegenüber (bei 12 nicht bekannten). Aufgeschlüsselt nach Altersklassen, waren 4 Beteiligte unter 10 Jahren, 14 von 11 bis 20 Jahre alt, 38 Beteiligte der Altersklasse 21-30 Jahre und 45 jener von 31-40 Jahren zuzuordnen. In der Klasse von 41 bis 50 Jahren waren es noch 30 Personen, in jener von 51 bis 60 Jahren mit 15 schon deutlich weniger, nur 8 waren älter als 61 Jahre (bei 44 Personen, deren Alter nicht bekannt ist). Die meisten Beteiligten an Lawinenunfällen kamen, wie auch in den vergangenen Jahren, mit 82 aus Österreich, gefolgt von 48 Personen aus Deutschland.
Insgesamt hat also der Winter 2006/2007, obwohl von vielen Tourengehern und Variantenfahrern kaum als ‚echter’ Winter wahrgenommen, doch eine bemerkenswerte Unfallstatistik aufzuweisen. Wobei der generelle Trend, dass die absoluten Unfallzahlen seit Jahren stagnieren, obwohl die Anzahl von Wintersportlern abseits der gesicherten Pisten rasant angestiegen ist, in jedem Fall ein günstiges Licht auf die Sicherheitsverantwortlichen (Lawinenwarndienste, Lawinenkommissionen, Skiliftbetreiber) wirft, aber auch der zunehmenden Eigenverantwortung von Tourengehern und Variantenfahrern ein gutes Zeugnis ausstellt! |