österreichisches kuratorium für alpine sicherheit

Lawinenunfälle in Österreich im Winter 2004/05

von Mag. Walter Würtl

Um es vorweg zu nehmen: der vergangene Winter war aus Sicht einer Lawinenbilanz äußerst unerfreulich. Mit 48 Lawinentoten gab es fast so viele Opfer wie im Katastrophenjahr 1998/99 (50 Tote) mit dem Unterschied, dass es letzten Winter keine Großschadenslawinen, weder im Siedlungsgebiet noch im freien Schiraum gab. Einen ähnlich hohen Wert findet man zuletzt vor 30 Jahren (1974/75) als 46 Lawinentote zu verzeichnen waren. Interessant ist der Vergleich auch deshalb, da seinerzeit im Jahr zuvor (Winter 1973/74) ?nur? 7 Lawinenopfer zu beklagen waren. Analog dazu hatten wir im Vorjahr (2003/04) ebenso eine relativ ?erfreuliche? Lawinenbilanz mit lediglich 8 Toten zu vermelden. Betrachtet man die Unfallstatistik im langjährigen Vergleich, so zeigt sich auf einen Blick, dass es schon immer eine hohe Variabilität an Lawinenopfern gegeben hat. Ein Anstieg um das 6fache von einem Winter zum anderen ist dennoch bemerkenswert.

Auffällig war im vergangenen Winter auch der Umstand, dass es besonders viele Lawinenereignisse gegeben hat (n. 148). Anders als in anderen Jahren, wo eine hohe Gesamtopferzahl oftmals auf wenige ?Großereignisse? mit vielen Toten zurückzuführen war, gab es im letzten Winter nur ein Lawinenunglück wo 4 Personen starben, aber nicht weniger als 28 Einzelunfälle mit jeweils einem Todesopfer.

Ziemlich genau 10 Jahre ist es her, seit Werner Munter`s Reduktionsmethode (probabilistische Entscheidungsmethode) einer größeren Öffentlichkeit zugänglich gemacht wurde und es damit zu einem Paradigmenwechsel in der Lawinenkunde kam. Viel hat sich in den vergangenen Jahren getan unter anderem haben sich auch mehrere andere Entscheidungsstrategien entwickelt. Eigentlich sollte man nun annehmen können, dass die ersten nachhaltig positiven Auswirkungen dieser ?Neuen Lawinenkunde? spürbar werden. Betrachtet man aber das letztjährige Unfallgeschehen könnten Zweifel über den Nutzen bzw. die Verbreitung der verschiedenen Entscheidungshilfen aufkommen. Vordergründig könnte man nämlich angesichts der Opferbilanz behaupten, dass alle Maßnahmen und Strategien die das Risiko einer Lawinenverschüttung senken, ebenso unwirksam sind, wie die verbesserte (Notfall-)Ausrüstung und die effizienter agierenden Rettungsmannschaften.Bei genauer Betrachtung wird jedoch schnell klar, dass die hohe Zahl an Unfällen immer unter dem Gesichtspunkt der Zahl der Sportausübenden gesehen werden muss. Obgleich genaue Daten fehlen kann mit Sicherheit davon ausgegangen werden, dass sich die Zahlen der Wintersportler welche sich im freien Schiraum aufhalten bzw. die Zahlen der Tourengeher in den letzten Jahren vervielfacht haben ? und dem entsprechend das individuelle Risiko einer tödlichen Lawinenverschüttung trotz Steigerung der absoluten Zahlen gesunken ist! Dennoch ist eine derart große Schwankungsbreite von einem Jahr zum andern nicht über die gestiegene Zahl an Sportausübenden zu erklären, da diese im letzten oder vorletzten Jahr ja annähernd gleich groß war wie heuer.

Zur Erklärung der hohen Opferzahl muss deshalb wieder auf allgemeine Faktoren die wetter- bzw. witterungsabhängig und somit jedes Jahr anders sind, zurückgegriffen werden. Die Frage nach den konkreten Ursachen der extrem hohen Anzahl an Lawinenunfällen ist äußerst schwierig bzw. allgemein gesehen nicht zu beantworten, da unterschiedliche Gründe den Ausschlag geben können. Sehr wohl lassen sich aber rückwirkend gesehen für jeden einzelnen Unfall Faktoren und Umstände nennen, welche zum Lawinenabgang geführt haben ? hier sei auf die nachfolgenden Beschreibungen zum Unfallgeschehen verwiesen.An gleicher Stelle (Sicherheit im Bergland 2004) wurde letztes Jahr das relativ schlechte Wetter (= weniger Befahrungen im Gelände) und besonders leistungsfähige Schutzengel für den Rückgang an Lawinentoten verantwortlich gemacht. In diesem Jahr war wohl der besonders schlechte Schneedeckenaufbau, der sich über Wochen gehalten hat, ausschlaggebend für die negative Opferbilanz. Als weiterer Grund für die große Zahl an Unfällen kann das kompromisslose Verhalten von Wintersportlern angeführt werden. Durch ein etwas defensiveres Agieren hätten bestimmt viele Lawinenabgänge verhindert werden können. Dennoch soll auch hier betont werden, dass nicht jeder Lawinenunfall vorhersehbar war und damit verhindert hätte werden können.

Ein Aspekt, der sich in Zusammenhang mit Unfallanalysen immer stärker zeigt ist jener, dass eine große Diskrepanz zwischen Lehrmeinung bzw. dem in Fachkreisen diskutierten Standard und der tatsächlichen Umsetzung durch die große Masse der Wintersportler besteht.
Wenn man in Untersuchungen feststellen muss, dass bei Schitouren jeder Dritte auf ein LVS-Gerät verzichtet und beim Variantenfahren überhaupt nur einer von drei Sportausübenden ein LVS-Gerät verwendet, dann ist es nicht weiter verwunderlich, wenn Menschen zu lange nicht gefunden werden und in Lawinen sterben. Verschärft wird dieses Problem noch durch den Umstand, dass nur ein geringer Prozentsatz auch mit der Notfallausrüstung umgehen kann. Ähnliches gilt auch für die Strategien, die bei konsequenter Anwendung nachweislich mehr als 80% aller Unfälle verhindern könnten.
Doch letztlich ist es eine Frage der persönlichen Freiheit ?wie? man in den winterlichen Bergen unterwegs sein möchte. Bislang ist die Anzahl an Lawinenunfällen jedenfalls mehr von den zufällig vorgefundenen Verhältnissen abhängig, denn was das Verhalten der Wintersportler betrifft, scheint sich ein beachtlicher Teil weder um die richtige Ausrüstung, noch um eine adäquate Ausbildung, noch um das Befolgen von einfachen (risikosenkenden) Strategie zu kümmern. Um die Unfallzahlen nachhaltig zu senken, braucht es deshalb weniger neuartige Rettungsgeräte oder noch ausgefeiltere Strategien, sondern eine umfassende und breite Aufklärungsarbeit was die Gefahren abseits der gesicherten Pisten betrifft und wie man diesen ohne ?Erlebnisverlust? entgehen kann.

Insgesamt wurden in ganz Österreich 148 Lawinenunfälle mit Personenbeteiligung verzeichnet. Dabei wurden 72 Personen verletzt und 48 Menschen getötet. 233 Wintersportler kamen ohne körperliche Schäden davon. Die meisten Lawinenunfälle gab es wie in den Jahren zuvor in Tirol (n. 82). An zweiter Stelle folgt Salzburg (n. 28), danach Vorarlberg (n. 21), Steiermark (n. 10), Kärnten (n. 4), Niederösterreich (n. 2) und Oberösterreich (n.1). Damit liegt nicht nur die Zahl der Opfer, sondern auch die Zahl aller Unfälle deutlich über dem langjährigen Durchschnitt bzw. den Werten der letzten Jahre (2003/04 ? 60 Unfälle, 2002/03 ? 81 Unfälle).

Beim Variantenfahren (Schifahrer und Snowboarder) waren im letzten Winter die meisten Lawinenunfälle zu verzeichnen (64 Unfälle mit 151 Beteiligten), knapp gefolgt von den Unfällen beim Skitourengehen (58 Unfälle mit 154 Beteiligten). Vergleicht man bei den Variantenfahrern die Schifahrer mit den Snowboardern, so ist das Verhältnis ziemlich genau 2:1. (Schifahrer: 41 Unfälle mit 101 Beteiligten, Snowboarder: 23 Unfälle mit 50 Beteiligten). Was die Opfer betrifft so gab es bei den Tourengehern 34 Verletzte und 20 Tote, bei den Snowboardern 7 Verletzte und 6 Tote und bei den Schiläufern 17 Verletzte und 13 Tote.

Die Annahme, dass der Lawinenunfall ?männlich? sei, schwächte sich im Beobachtungszeitraum 2004/05 etwas ab. Der Anteil der Männer sank nämlich im Vergleich der Vorjahre von ca. 88% auf rund 78 %. Wenn davon ausgegangen werden kann, dass das Verhältnis Männer zu Frauen im freien Gelände rund 3:1 ausmacht, so kann daraus geschlossen werden, dass sich die Risikobereitschaft von Männern und Frauen nähert. Dabei ist jedoch anzumerken, dass aus einem einzigen Jahr noch keine grundsätzliche Trendwende abgeleitet werden kann.

Die Häufung von Unfällen an bestimmten Tagen bestätigt ein weiters Mal die Vermutung, dass es so etwas wie ?Lawinenzeiten? gibt. Beispielsweise gab es alleine im Zeitraum zwischen 10.03.2005 und 13.03.2005 32 Lawinenunfälle, verteilt über ganz Österreich. Geht man davon aus, dass im Schnitt wenigstens 30 Retter an einem Lawineneinsatz beteiligt sind, wird augenscheinlich wie wichtig ein flächendeckender Bergrettungsdienst ist, wo gleichzeitig hunderte Retter mobilisiert werden können.

Zu den ?Lawinenzeiten? ist noch anzumerken, dass Lawinen unter bestimmten Umständen zwar zu jedem Zeitpunkt abgehen können, bei allgemein ungünstigem Schneedeckenaufbau die Hinweise der Lawinenwarndienste oder versierter Auskunftspersonen jedoch keinesfalls zu ignorieren sind. Das Gefahrenpotential ist, was die allgemeine Lawinengefahr betrifft, im Verlauf des Winters durchaus unterschiedlich ? verzichtet man an diesen besonders kritischen Tagen auf ?steile Hänge?, kann das Risiko einer Verschüttung deutlich gesenkt werden.

Besonders interessant ist wieder die Altersverteilung der Unfallbeteiligten. Die Wintersportler zwischen 31 und 40 Jahren (n. 82) haben die meisten Unfälle, fast gleich auf in dieser unrühmlichen Rangliste sind die 21 bis 30 Jährigen (n. 80). Die oft als Risikogruppe bezeichneten Jugendlichen unter 21 waren im letzten Winter nur an wenig mehr Unfällen (n. 23) beteiligt als die Gruppe der 61 ? 70jährigen Senioren (n. 19). Wie schon in den vergangenen Jahren sind auch die 41 ? 50järigen stark repräsentiert (n. 64). Selbst die ?Alten Hasen? (51 ? 60J.) haben mit 38 Beteiligten noch einen größeren Anteil am Unfallgeschehen als die ?Jungen Wilden?.

Die meisten Beteiligten an Lawinenunfällen kamen auch im vergangenen Winter wieder aus Österreich (n. 145). 104 Personen kamen aus Deutschland, 23 aus der Schweiz, 9 aus Schweden, 8 aus den Niederlanden, 6 aus Großbritannien und Frankreich. Der Rest stammt aus weiteren 10 europäischen Ländern bzw. aus den USA, Kanada und Neuseeland. Insgesamt werden in Österreichs Bergen mehr Touristen (n. 188) verschüttet als Einheimische.

Obgleich die Unfallzahlen erschreckend hoch waren sei abschließend dennoch festgehalten, dass die Opferbilanz ohne die professionelle Hilfe von Bergrettung, Pistenrettung, Alpinpolizei, und Rettungshubschraubern noch deutlich schlechter ausgefallen wäre. Ihre ständige Bereitschaft Menschen die von Lawinen verschüttet oder verletzt wurden zu retten ist deshalb in höchstem Maß zu würdigen!