Fallbeispiele aus dem Unfallgeschehen 1995
zusammengestellt von Franz Sladek
- Raufbolde.
Zu einer handfesten Rauferei entwickelte sich ein Streit zwischen einem niederländischen und einem deutschen Schifahrer. Der Niederländer hatte die Ausstiegsstelle der Doppelsesselbahn im Schigebiet Hintertuxer Gletscher verlassen und wollte sich bei der Einstiegsstelle zur Sektion vier anstellen, als ihm der Deutsche in die Quere kam. Es entwickelte sich eine Auseinandersetzung, bei der der Niederländer stürzte und sich einen Unterschenkelbruch zuzog. Er wurde in das Krankenhaus Schwaz gebracht.
- Nichthilfe.
Zell am See (S): Eine britische Touristin (52) kommt von der Piste ab und stürzt. Verwirrt stapft sie durch den Wald. Nach Stunden die rettende Hütte. Doch der Wirt will die erschöpfte Frau nicht gratis telefonieren lassen, schickt sie zu fuß in nächste Dorf. Drei Stunden später wird sie von Alpingendarmen geborgen.
- Gletscherspalte.
Eine sechsköpfige Schitourengruppe, ebenfalls aus Slowenien, war am selben Tag auf dem Normalweg von Prägraten zum Großvenediger unterwegs. Der Vierte dieser Gruppe; Janez R., 29 Jahre alt, stürzte beim Überqueren einer Gletscherspalte ca. 35 m in diese. Auch er konnte mittels Kameradenhilfe geborgen werden, musste jedoch ebenfalls wegen schwerer Verletzungen mittels Hubschrauber ins Spital geflogen werden.
- Tierisches.
Ein 26jähriger Wanderer wollte auf dem Weg zum Großen Priel (AV-Steig) eine auf dem Schneefeld liegende Viper mit der Hand entfernen. Die Schlange dankte es ihm aber schlecht und biss den Tierfreund in den linken Zeigefinger. Eine 46jährige Urlauberin wurde am 22.20.1995 beim Aufstieg auf den Rinnkogel von drei Hornissen in die rechte Hand gestochen. Nach einiger Zeit zeigte sie derartige allergische Reaktionen, dass sie nicht mehr in der Lage war, den Weg weiter fortzusetzen. Sie wurde mit dem Hubschrauber ins Tal geflogen.
- Unterkühlung.
Zwei Urlauber, sie 53 aus Österreich und er 54, aus Deutschland, unternahmen eine Bergtour von der Essener-Rostocker-Hütte zur Dreiherrenspitze über den Gletscher. Beide hatten ihren Sitz- und Brustgurt angelegt, jedoch das Seil trugen sie im Rucksack. Sie stürzte beim Abstieg ca. 15 Meter in eine Gletscherspalte und wurde in einer Spaltenverengung eingeklemmt. Da ihr Begleiter sie nicht bergen konnte, stieg er zur genannten Hütte ab und meldete den Unfall. Im Zuge eines planmäßigen Einsatzes wurde die Verunglückte geborgen und mit starker Unterkühlung ? sie hatte eine Körpertemperatur von nur noch 28 Grad ? und Prellungen mittels Hubschrauber ins Krankenhaus geflogen. Nach Auskunft der Ärzte ist ihr Zustand kritisch.
- Höhenwandern.
Eine zwölfköpfige Bergsteigergruppe unternahm am 22.7.1995 eine Höhenwanderung von der Darmstädter Hütte in Richtung Friedrichshafener Hütte. Unterhalb des Rautejöchli brach einer der Berggeher im aufgeweichten Schneefeld knietief ein. Er verlor das Gleichgewicht, stürzte nach einem Überschlag 10 Meter ab und landete in einer Felsgruppe. Er wurde mit schweren Verletzungen von der Bergrettung geborgen und mittels Hubschrauber abtransportiert.
- Höhenkrank.
Am 14.7.1995 hatte der deutsche Heeresbergführer Franz-Josef K. (40) mit zwei anderen Kollegen die 3.008 Meter hohe Schöntalspitze bestiegen und sie übernachteten nach dem Gipfelsieg in dem auf 2.273 Meter hoch gelegenen Westfalenhaus / Stubaier Alpen. In der Nacht bekam der Bergführer plötzlich akute Atembeschwerden. Der am nächsten Tag mit dem Hubschrauber Christophorus 1 hochgeflogene Notarzt Dr. Michael Said stellte ein klassisches Höhenlungen-Ödem fest. Dem Patienten wurde Sauerstoff verabreicht und er wurde anschließend in die Klinik Innsbruck geflogen. Der deutsche Heeresbergführer wusste übrigens sofort, was mit ihm los war: es war schon sein 4. Lungenödem.
- Vermisst.
Am Dienstag den 15.2.1983 stürzte der 13 jährige holländische Staatsangehörige Philip F. während der Liftauffahrt mit dem Schlepplift ?Kaserer 1? (Schigebiet Zillertaler Gletscherbahnen) aus der Liftspur. Er fuhr dann vermutlich im freien und vergletscherten Schigebiet in Richtung Talstation und stürzte in eine Gletscherspalte. Trotz umfangreicher Suchaktionen konnte der Vermisste nicht gefunden werden, da niemand sein Verschwinden beobachtet hatte bzw. den Ort seines Unglücks kannte. Nunmehr wurde am 13.8.1995 von einem Liftangestellten im Bereich des genannten Schleppliftes die ausgeaperte Leiche entdeckt.
- Kletterabsturz.
Ein 55jähriger Kletterer stieg am 10.8.1995 ohne jegliche Ausrüstung ? kein Helm und keine Klettersteigausrüstung ? auf der Rax in den Haidsteig ein (Schwierigkeitsbewertung ?C?). Aus unbekannten Gründen stürzte der Berggeher ab und hatte das große Glück , mit dem Fuß in einem fix angebrachten Stahlseil hängen zu bleiben. Ohne diesen Halt wäre er ca. 50 Meter im freien Fall abgestürzt. Er erlitt einen Nasenbein-, Kiefer- und Rippenbruch und musste von der Bergrettung geborgen werden.
- Gewitter.
Eine belgische Urlauberfamilie unternahm einen Ausflug auf die Stafföllalpe /Oberinntal, 1.600 m hoch gelegen. Auf der Alm trennten sie sich und beschlossen, sich auf der Kälberhütte zu treffen. In der Landkarte ist die Hütte noch eingezeichnet, existiert jedoch nicht mehr. Eine Ausweichroute wurde nicht besprochen. Im Bereich Mitteregg kamen Vater und Sohn in ein heftiges Gewitter und beide suchten Schutz im Wald. Sie kamen jedoch bei der Suche nach Unterstandsmöglichkeiten in unwegsames Gelände und verirrten sich schlussendlich gänzlich. In den frühen Morgenstunden konnten sie dann vom Hubschrauber Christophorus aufgefunden und geborgen werden. Beide waren erschöpft und unterkühlt.
- Leichtsinn.
Eine Gruppe deutscher Urlaubsgäste sprachen auf der Falbesoner Alm mehr als reichlich dem Alkohol zu. Beim Abstieg torkelte ein Gruppenmitglied über den Steig hinaus und stürzte ab. Ein weiterer Gruppenteilnehmer wollte den Absturz verhindern und fiel ebenfalls ca. 200 Meter in die Tiefe. Beide mussten mit schweren Verletzungen geborgen werden. - Zwischenhaken.
Eine Gruppe von drei deutschen Kletterern befand sich am 23.9. 1995 beim Abstieg vom Kellenschrofen durch den Führerkamin ? Schwierigkeitsgrad II. Alle waren ordentlich mit Brust-Sitzgurt sowie Steinschlaghelm ausgerüstet. Während der Dritte seilfrei stieg, sicherte einer mit seinem Klettersteigset an einem Zwischenhaken. Er verwendete einen Schraubkarabiner. In diesen eigensichernden Schraubkarabiner hängte er noch einen HMS-Karabiner ein. Ein weiterer Sicherungspunkt war nicht vorhanden bzw. wurde nicht aufgebaut. Er seilte nun seinen Partner an diesem Karabiner mittels HMSD-Sicherung ab. Vermutlich aufgrund der Doppelbelastung riss der Zwischenhaken (ein Messerhaken, 5 cm lang) aus und die beiden durch das Seil verbundenen Kletterer stürzten ca. 70 Meter über felsiges Gelände ab. Beide erlitten schwere Verletzungen, Trümmerbruch beider Knie, offener Unterschenkelbruch, innere Verletzungen, Platz? und Schürfwunden. Sie wurden nach der Bergung durch den Bergrettungsdienst mittels Hubschrauber ins Spital geflogen.
- Lichtsignale.
Im Bereich der Nonnenalm/Bürs wurden in der Nacht des 27.101995 Lichtzeichen wahrgenommen und im Tal als alpines Notzeichen gedeutet. Zwei Alpingendarmen und zwei Bergrettungsleute begaben sich auf die Nonnenalm. Dort angekommen, konnten die Lichtzeichen geklärt werden. Jäger, die sich auf der Alm aufhielten, hatten durch den Gebrauch ihrer Taschenlampen diesen Fehleinsatz verursacht.
- Abseilen.
Um sich beim Abseilen selbst zu sichern, hängte sich ein Kletterer auf der Meisenkögerl-Bräumauer, Gem. Scharnstein/OÖ am 7.10.1995 in den Plastikring seines Brustgurtes ein. Durch die darauffolgende Belastung brach der Ring und der 20jährige Kletterer stürzte ca. 6 Meter ab. Dabei zog er sich schwere Verletzungen zu (Bruch beider Handgelenke). Er stieg noch selbst ins Tal ab und wurde mit der Rettung in das Landeskrankenhaus Wels gebracht.
- Überlebenswille.
Der 56hährige Architekt Herbert B. unternahm eine Tour in das Tote Gebirge. Am 28.10.1995 ging er von der Phüringerhütte in Richtung Tauplitz, als nach Einbruch der Dunkelheit ihm das Unglück passierte. Er verirrte sich auf dem nur durch Schneestangen markierten Weg und stürzte durch ein enges Loch 3,5 Meter in eine Doline. Unglaubliche 3 Tage und 4 Nächte kämpfte der leicht verletzte Mann in diesem Gefängnis um sein Leben. Immer wieder schichtete er Steine zu einer Pyramide auf, um darauf in die Freiheit zu klettern, aber immer wieder stürzte sein Bauwerk zusammen. Durch unendliche Liegestützen hielt er sich warm. Auch Proviant hatte er genug mit. Die mittels Hubschrauber durchgeführten Suchaktionen brachten keinen Erfolg, da er durch das enge Loch nicht gesehen werden konnte. Nach ca. 90 Stunden in seinem Verließ gelang es ihm endlich, über seine nunmehr haltende Steinpyramide ins Freie zu klettern und ins Tal abzusteigen. Nach seiner Einlieferung ins Spital hatte er nur einen Wunsch: ?Endlich schlafen!? |