österreichisches kuratorium für alpine sicherheit

Lawinenunfälle in Österreich im Winter 2007/2008

von Mag. Roland Luzian

Die außergewöhnlich lange, relativ schneereiche Saison 2007/08 brachte uns heuer eine Opferbilanz (29 Tote bei insgesamt 120 gemeldeten Lawinenereignissen), die etwas über dem langjährigen Durchschnitt in Österreich (26 Tote pro Winter) liegt. Da ist gleich deutlich zu betonen, dass diese Zahl weitaus höher sein könnte, wenn die Rettungskräfte nicht derart präsent wären und effizient arbeiten würden! Bereits am 6.9.07 geschah der erste Unfall, am 20.10.07 kam es zum ersten Unfall mit tödlichem Ausgang. Der letzte bekannt gewordene Unfall ereignete sich am 8. Juni; hierbei verunglückte nochmals eine Person tödlich.

Schon von Beginn des Winters an sorgte, über lange Zeiträume, häufig stürmischer Wind für einen ungünstigen Schneedeckenaufbau und Schneebrettbildung. So war die Situation im Schitourenbereich ab Anfang Jänner bis Ende März fast durchwegs kritisch (Jänner 43 Unfälle, Februar 23, März 25). Allein am 4.1. geschahen 9 Unfälle und am 5.1. gleich nochmals fünf. Schon am 3.1. berichtete der Tiroler Lawinenwarndienst: „die Hauptgefahr bilden frische Triebschneeansammlungen, die immer störanfälliger werden ...“ und am 4.1.: „ist die Lawinengefahr … in Folge des Föhnsturms angestiegen …“. Nahezu alle getöteten Personen starben während der Ausübung ihrer Freizeitaktivitäten im freien, ungesicherten Raum, wobei sie die verhängnisvollen Lawinen meist selbst auslösten.

Selbstverständlich ist aufgrund der hohen Komplexität der Verhältnisse, die in einer Schneedecke herrschen können, nicht jede Situation hundertprozentig richtig einschätzbar und nicht jeder Fall vorhersehbar bzw. berechenbar (auch bei fehlerloser Anwendung moderner Entscheidungshilfen – „Munter-Methode“ – sind tödliche Unfälle möglich!). Aber viel zu oft führt menschliches Fehlverhalten zu Unfällen:

Absperrungen und Warnungen werden ignoriert, es herrschen Kompromisslosigkeit, Selbstüberschätzung,Wissens- und, vor allem, Bewusstseinsmangel (was bedeutet es, von einer Lawine, sei sie noch so klein, verschüttet zu werden?). Außerdem scheinen die überaus wichtigen Hinweise in den Lageberichten der Lawinenwarndienste, dass auch bei allgemeiner Stufe 2 und teilweise sogar bei Stufe 1 lokal Schneebrettbildung („eingewehte Mulden und Rinnen, Kammnähe“) möglich ist, oft missachtet zu werden. Es fehlt nicht zuletzt auch am nötigen Respekt vor der Natur.

Da stellt sich die Frage, ob nicht Faktoren wie die von der Werbung vehement betriebene „Verführung zum Leichtsinn“ zu erhöhter Risikobereitschaft führten (z. B. Filme über Extremsportarten), oder ob nicht auch die verbesserte Ausrüstung ein falsches Sicherheitsgefühl vermittelt? Oder ob die, vor allem von Jugendlichen immer wieder inszenierte, Banalisierung „mutiger“ macht? Werden dadurch die andererseits sehr großen Anstrengungen in Lawinenwarnung, Belehrung, Aufklärung, Bewusstseinsbildung und Ausbildung wieder kompensiert?

An einem Unfall beteiligten Personen gelang es oft mittels Mobiltelefon-Notruf die Einsatzkräfte zu verständigen und organisierte Rettungsmaßnahmen zu veranlassen. Manchmal erfolgte die Benachrichtigung der Alpinpolizei aber auch durch unbeteiligte Personen aufgrund der Beobachtung eines Lawinenabganges.

Die im Folgenden angeführten Beschreibungen und die knappe Statistik geben einen Überblick zum Lawinengeschehen des Winters 2007/08 in Österreich. Was dabei aber nicht zum Ausdruck kommt, sind die Leistungen der Suchmannschaften, Notärzte, Hubschrauberbesatzungen und Hundeführer mit ihren speziell ausgebildeten Suchhunden sowie der allgemein betriebene, überaus große Aufwand (Hubschrauber und Rettungsmaterial) bei Lawinenunfällen, sei es auch nur, wenn Verdacht auf Personenverschüttung besteht.

Einige Ereignismeldungen lagen ohne ausführliche Beschreibungen vor. In diesen Fällen entsprechen die in diesem Bericht im Telegrammstil gefassten Texte weitestgehend jenen der Kurzinformationen der Alpinpolizei.

Österreichweit wurden 120 Lawinenereignisse mit 342 beteiligten Personen gemeldet. Dabei wurden 120 Personen verschüttet, 49 Personen verletzt und 29 getötet (das sind knapp 25% der Verschütteten). Auf Tirol entfielen 75 Ereignisse mit 14 Toten, auf Vorarlberg 16 Ereignisse mit 5 Toten, auf Salzburg 12 Ereignisse mit ebenfalls 5 Toten, auf die Steiermark 3 Ereignisse mit 2 Toten, auf Kärnten 7 Ereignisse, auf Oberösterreich 6 Ereignisse und auf Niederösterreich 1 Ereignis mit jeweils einer getöteten Person. Nach Disziplinen geordnet kamen 19 Personen auf Schitour, 7 beim Variantenfahren und jeweils eine beim Bergsteigen, auf Hochtour und bei der Arbeit ums Leben. 21 Prozent der getöteten Personen waren Frauen, 79 Prozent Männer. Zwei Drittel (19) der tödlich verunglückten Personen waren zwischen 31 und 50 Jahre alt, ein Sechstel (5) jünger und ein Sechstel (5) älter. 12 Tote stammten aus der Bundesrepublik Deutschland, 11 waren Österreicher, 2 Italiener und jeweils einer stammte aus Polen, Ungarn, Großbritannien und der Schweiz.

Datengrundlage: Ereignismeldungen der österreichischen Alpinpolizei.

Dank: Dem Leiter, Herrn Obstlt. Hans Ebner, den einzelnen Leitern der alpinen Einsatzgruppen und den Einsatzkräften vor Ort der Österreichischen Alpinpolizei für das zur Verfügung gestellte Material und für die freundliche und unkomplizierte Unterstützung!