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Variantenfahren, Freeriden und der freier Skiraum: Fakten statt Mythen

Aufgrund des tragischen Lawinenunglückes mit einem prominenten Opfer, ist die das Thema Skifahren abseits der Piste im ungesicherten Skiraum in aller Munde. In den Medien tauchen zahlreiche Fachleute mit ihrer Expertise auf, welche leider allzu oft nicht mit den tatsächlichen Fakten übereinstimmt. Das Österreichische Kuratorium für alpine Sicherheit, als international anerkanntes Kompetenzzentrum für alpine Unfallforschung, beschäftigt sich schon seit Jahren mit diesem Thema und möchte dem vielerorts herumkursierenden Halbwissen mit Fakten entgegentreten.

Die Zahl der Lawinenopfer und deren Gründe
 

Jedes Opfer, das in einer Lawine zu beklagen ist, ist ohne Zweifel eines zu viel. Anhand der alpinen Unfallstatistik des Kuratoriums (und das ist die einzige - welche in Zusammenarbeit mit dem BMI und der Alpinpolizei – mit amtlichen Daten arbeitet und die Ursprungsquelle, welche leider oft fehlinterpretiert wird), liegt der langjährige Schritt bei 26 Todesopfern in Lawinen pro Jahr. Hierzu muss erwähnt werden, dass diese Zahl alle tödlich verunfallten in einer Lawine enthält und nicht nur Variantenfahrer und Tourengeher. Wenn man die Zahlen betrachtet (siehe Abb.), wird man keinen eindeutigen Trend erkennen, da es – im Unterscheid zu vielen sog. “Expertenmeinungen“, nicht alleine auf das Risikoverhalten der Wintersportler sondern, dass v.a. der Schneedeckenaufbau in einem Winter noch viel relevanter ist.

Grundsätzlich kann man aber die Aussage tätigen, dass sich die Zahl der aktiven Variantenfahrer vervielfacht hat, die Anzahl der Unfälle allerdings bei weitem nicht dementsprechend angestiegen ist. Dies kann als Erfolg für alle Präventivmaßnahmen gesehen werden: die umfangreich, stets aktuelle Information der Wintersportler durch die hervorragende Arbeit der Lawinenwarndienste, durch die viele Aufklärung- und Schulungsarbeit durch die alpinen Institutionen, wie Bergrettung, Alpenvereine, etc. oder Initiativen wie SAAC, Sichere Gemeinden, uvm.

 

Der freie Skiraum

 

An Stammtischen wird heiß diskutiert, warum man bei hoher Lawinenwarnstufe die Piste überaus verlassen darf und ob es da nicht überhaupt Verbote und Gesetze geben sollte.

Erstens muss man dazu das Prinzip des Lawinenlageberichtes verstehen: die Lawinenwarndienste mit ihrem dichten Datennetzwerken geben aufgrund der Bewertungen der vorliegenden Datengrundlagen, Gefahrenstufen für gewisse Regionen heraus. Dabei werden die derzeit herrschenden Gefahrenquellen beschreiben, aber nachdem es in der Natur keinen „Normhang“ gibt unterliegt jeder anderen mikro-klimatischen Einflüssen und die im Lagebericht beschrieben Muster können nur als Referenz herangezogen werden. Somit obliegt die Beurteilung jedes Einzelhanges dem Wintersportler, wenn er unmittelbar davor steht. Somit kann ein Hang im Idealfall genau mit der Einschätzung des Lawinenwarndienstes übereinstimmen, oder gar weiniger gefährlich sein, allerdings auch aufgrund lokaler Einflüsse (z.B. Wind) wesentlich gefährlicher als die generelle Tendenz in dieser Region es vermuten lässt. Die Lawinengefahr kann also nicht generell objektiv gemessen werden – eine Voraussetzung die aber für ein Gesetz unbedingt notwendig wäre (vgl. höchstzulässiges Nutzlast eines LKWs) alles andere wäre Willkür!

 

Warum darf man überhaupt den gesicherten Skiraum verlassen?

 

Ursprünglich hat es nur den freien Skiraum gegeben, erst mit den Seilbahnen, welche sich um die Sicherheit ihrer Gäste sorgten und fortan entsprechende Maßnahmen (Lawinenverbauungen, regelmäßige Sprengungen, etc.) setzten, entsandt überhaupt der „gesicherte Skiraum“. Die Unterscheidung wo der gesicherte Skiraum endet, und der ungesicherte beginnt, ist eindeutig am Pistenrand gekennzeichnet. Ob ein Skifahrer den gesicherten Raum nun verlässt, liegt in dessen Eigenermessen und muss er oder sie für sich selbst entscheiden. Ein Verbot wäre nicht nur ein weiterer Schritt zur Entmündigung Erwachsener Menschen, welch in erster Linie sich selbst gefährden, sondern auch in der Praxis nicht praktikabel: das Errichten von gefängnisartigen Strukturen, wie Mauern und Zäunen ist ebenso nicht möglich, wie das Positionieren einer sog. „Pistenpolizei“ entlang der Piste, wie sie immer wieder von Verfechtern der „Law&Order“-Abteilung gefordert wird: man denke der Arlberg hat alleine fast 280 Pistenkilometer…

 

Warum ist eine Schutzausrüstung nicht gesetzlich vorgeschrieben?

 

Die Entwicklungen im Bereich der Lawinen-Notfallausrüstung ist in den letzten fünf Jahren sprunghaft angestiegen: Verschüttetensuchgeräte werden immer besser und ermöglichen es auch Laien noch schnellere Auffindungszeiten zu erreichen, die Airbag-Systeme werden auch immer ausgereifter und dazu gibt es zahlreiche weitere Produkte, welche die Überlebenschance im „Worst Case“-Lawine erhöhen sollen. Allerdings können alle diese Gerätschaften nur die Chance erhöhen, eine hundert prozentige Sicherheit gibt es auch hier nicht. Zudem bringt - gerade im Notfall Lawine - die beste Ausrüstung nichts, wenn der man nicht mit ich umzugehen weiß. Das Wissen über die richtige, effiziente Anwendung und regelmäßiges Üben ist ebenso essentiell wie die Anschaffung selbst.

Somit sind auch die Ausrüstung vom einzelnen Wintersportler abhängig und deswegen macht auch hier ein eigenes Gesetz keinen Sinn (im Straßenverkehr ist es wesentlich einfacher: der Gesetzgeber schreibt in einer Norm vor, dass ab einer bestimmten Krafteinwirkung der Airbag auszulösen hat, bei Lawinen ist das viel schwieriger: was ist ein Lawine, was noch ein Schneerutscher, usw.)