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Unterschätzte Gefahr: Sommerlawinen

Der Bergsommer 2014 war witterungsbedingt sehr durchwachsen. Gerade der Juli zeichnete sich durch sehr bescheidenes Bergwetter und viele Niederschläge aus. Im Hochgebirge verursachten die Kaltfronten aber zum Teil erhebliche Neuschneemengen. Die Lawinengefahr ist nicht zu unterschätzen. In der Schweiz verunglückten diesen Sommer bereits vier Bergsteiger durch Lawinen tödlich.
 
Der Schnee folgt auch im Sommer den Gesetzen der Schwerkraft. Schon 30 cm Neuschnee lassen im Hochgebirge die Lawinengefahr auch im Sommer zumindest kurzfristig ansteigen. Auch wenn im Sommer beim Bergsteigen Absturz, Stein- und Eisschlag, Wärmegewitter oder ein Wettersturz bei den alpinen Gefahren im Vordergrund stehen, darf im heurigen Sommer insbesondere bei Hochtouren in den Westalpen die Lawinengefahr nicht außer Acht gelassen werden.
Während und unmittelbar nach Schneefällen ist auch im Sommer die Lawinengefahr erhöht. „Im Gegensatz zu Lawinenunfällen im Winter ist im Sommer die Gefahr, mitgerissen zu werden und abzustürzen, beim sommerlichen Bergsteigen größer als die Gefahr einer Verschüttung. Schon kleine Lawinen können deshalb fatale Folgen haben“, erklärt Karl Gabl, der Präsident des österreichischen Kuratoriums für alpine Sicherheit.
"Nicht vergessen darf man, dass im Normalfall im Sommer keine Lawinen-Notfallausrüstung (LVS, Schaufel, Sonde,..) mitgenommen wird und somit eine rasche Kameradenrettung bei Verschüttung fast unmöglich ist", so der Experte weiter.
 

Nach dem Schneefall drohen zunächst trockene Schneebrettlawinen und später Nassschneerutsche
 

Der durch die Kaltfront entstandene Neuschnee bzw. frische Triebschneeablagerungen können – wie im Winter – als trockene Schneebrettlawinen abgleiten. Eine darunter liegende, zusammenhängende Altschneeoberfläche oder gar Blankeis (Gletscherflanken) sowie steile Grashänge begünstigen das.
„Nach relativ warmen Schönwettertagen und einer klaren Nacht entspannt sich die Lawinensituation meist rasch wieder. Bleibt es allerdings weiterhin kalt und stürmisch hält die Lawinengefahr länger an“, erklärt Gabl. 
Durch starke Sonnenstrahlung und hohe Lufttemperaturen werde die Schneedecke durchfeuchtet. Besonders gefährlich sei auch hier ein Gleithorizont durch Gletschereis, harten Altschnee, Felsplatten oder steile Grashänge. „Auf diesen wirkt das eindringende Schmelzwasser wie ein Schmiermittel. Nassschneelawinen können vom Bergsteiger selbst durch eine Zusatzbelastung ausgelöst werden, aber auch spontan abgehen“, beschreibt Gabl die Vorgänge in der Schneedecke.

Dennoch sollte man auch Tage nach dem letzten Schneefall die  Lawinengefahr berücksichtigen - insbesonders beim Queren von eingeschneiten Rinnen oder eingewehten Flanken.


Einschätzung der Lawinengefahr im Sommer - auch ohne Lagebericht

 
Im Sommer erscheint im Normalfall kein Lawinenlagebericht. Die Lawinensituation muss also von den Bergsteigern selbstständig bei der Tourenplanung eingeschätzt werden. Dazu sind folgende Überlegungen wichtig:
  • Wie viel Neuschnee ist in den vergangenen Stunden und Tagen gefallen?
  • Haben Wind und Sturm den Schnee verfrachtet?
  • Wie sehr wurde die Schneedecke durch Sonneneinstrahlung und Lufttemperaturen durchfeuchtet?

Die Beurteilung der Lawinengefahr im Sommer unterscheidet sich nicht wesentlich von der Gefahrenbeurteilung im Winter. Die typischen Muster beschränken sich jedoch vorwiegend auf Neu- bzw. Triebschnee und Nassschnee in steilen Firn- oder Eisflanken. Gefährdete und kritisch zu beurteilende Stellen sind vor allem steile Firn- oder Eisflanken, wie man sie vor allem im Hochgebirge antrifft.


Mitreißgefahr nicht unterschätzen!

 
Nachdem man es im Sommer oft mit Nassschnee zu tun hat, darf man die enorme Kraft, welche so eine große Masse in Bewegung hat, nicht unterschätzen. Selbst ein kleiner Rutscher reicht aus, um in mäßig steilem Gelände Bergsteiger mitzureißen und ganze Seilschaften abstürzen zu lassen, weshalb man in derartigen Gefahrenstellen auch die Sicherungstechnik an dieses Risiko anpassen sollte.